Warum Barmherzigkeit der Weg ist

Papst Franziskus im Interview (Quelle: Radio Vatikan

(Meldung vom 02.12.2015), http://de.radiovaticana.va/ In: Pfarrbriefservice.de)

 

Am 8. Dezember 2015 hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet. In einem Interview hat sich der Papst ĂŒber seinen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit als Weg der Kirche geĂ€ußert. Er habe diesen Schwerpunkt seines Pontifikats keineswegs selbst erfunden, sagte der Papst im GesprĂ€ch mit "Credere", der offiziellen Zeitung des JubilĂ€ums der Barmherzigkeit. Die Kirche falle manchmal selbst in Versuchung, „eine harte Linie zu fahren“ und „nur die moralischen Normen zu betonen“, rĂ€umte Franziskus ein. Die Welt sei aber darauf angewiesen, den Gott der Barmherzigkeit zu entdecken und zu sehen, „dass die Verurteilung nicht der Weg ist“. Franziskus erzĂ€hlte auch einige persönliche Begebenheiten, die ihn ĂŒberzeugten, dass Barmherzigkeit das Gebot der Stunde fĂŒr die Kirche ist.

Von innen heraus

Das Bestehen auf der Barmherzigkeit Gottes ist eine verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig junge Tradition, hĂ€lt der Papst eingangs fest. Es habe sich mit Paul VI. Bahn gebrochen, Johannes Paul II. habe die Barmherzigkeit stark betont. Franziskus erinnerte an sein erstes Angelus als Papst im MĂ€rz 2013, in dem er den zahlreichen Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz das Buch „Barmherzigkeit“ von Kardinal Walter Kasper ans Herz legte, das dieser ihm kurz vor dem Konklave als Zimmernachbar in der Casa Santa Marta ĂŒberreicht hatte. Auch in seiner ersten Predigt als Papst – in der vatikanischen Pfarrei Sant‘ Anna – habe er ĂŒber Barmherzigkeit gesprochen. „Das war keine Strategie, das kam von innen heraus: der Heilige Geist will etwas“, so der Papst.

„Es ist das Jahr der Vergebung, das Jahr der Versöhnung“, sagte Franziskus und holte weit aus: „Einerseits sehen wir Waffenhandel, die Herstellung von Waffen, die töten, den Mord an Unschuldigen mit den schlimmsten ĂŒberhaupt möglichen Methoden, die Ausbeutung von Menschen, Kindern: Man begeht, der Ausdruck sei mir erlaubt, ein Sakrileg gegen die Menschheit. Denn der Mensch ist heilig, er ist das Bild des Lebendigen Gottes. Und nun sagt der Vater: hört auf und kommt zu mir. Das ist, was ich in der Welt sehe.“

In tiefster Verlassenheit

Zur Beichte gehe er selbst alle zwei bis drei Wochen, erzĂ€hlte der Papst in dem Interview. Er fĂŒhle sich als SĂŒnder, „ich bin sicher, einer zu sein“. Aber „ich bin, wie ich den Gefangenen in Bolivien sagte, ein Mann, dem vergeben wurde. Gott hat mich mit Barmherzigkeit angesehen und mir vergeben“. Er habe immer das GefĂŒhl gehabt, dass Gott sich in besonderer Weise um ihn sorge. Abermals erzĂ€hlte Franziskus vom Tag seiner Berufung zum Priester am 21. September 1953, als er in seine Pfarreikirche in Buenos Aires eintrat, einen ihm fremden Priester sah und, ohne wirklich zu wissen warum, sich zur Beichte bei ihm entschloss. „Ich war praktizierender Katholik, ging am Sonntag zur Messe, mehr aber nicht“, so Franziskus. „Und ich weiß nicht, was geschah, aber ich kam anders, verĂ€ndert, wieder heraus.“ Der betreffende Priester, Carlos Benito Duarte Ibarra, hatte LeukĂ€mie und starb ein Jahr spĂ€ter, ein Jahr, in dem er den jungen Jorge Mario Bergoglio geistlich begleitete. Nach der Beerdigung dieses Priesters, so bekannte Franziskus, habe er bittere TrĂ€nen geweint und sich von Gott verlassen gefĂŒhlt. „Das war der Moment, in dem ich auf die Barmherzigkeit Gottes gestoßen bin.“

In der Barmherzigkeit werde auch „die mĂŒtterliche Dimension Gottes“ sichtbar, erklĂ€rte Papst Franziskus. Allerdings wĂŒrden diesen Ausdruck nicht alle verstehen, er sei „nicht populĂ€r im guten Sinn des Wortes“, sondern gehöre wohl einer „etwas gewĂ€hlten Sprache“ an. „Deshalb rede ich lieber von der ZĂ€rtlichkeit, die einer Mutter eigen ist, die ZĂ€rtlichkeit Gottes. Gott ist Vater und Mutter.“

Barmherzigkeit verÀndert die Menschen

Den Gott der Barmherzigkeit zu entdecken, verĂ€ndere den Menschen, mache ihn toleranter, geduldiger und zĂ€rtlicher, so Franziskus weiter. „WĂ€hrend der Synode 1994 sagte ich in einer der Arbeitsgruppen, man mĂŒsse eine Revolution der ZĂ€rtlichkeit in Gang bringen, und ein Synodenvater – ein guter Mann, den ich respektiere und schĂ€tze, sehr alt schon – antwortete mir, ein solcher Ausdruck sei nicht angebracht, und er gab mir vernĂŒnftige ErklĂ€rungen, als intelligenter Mann, aber ich sage nach wie vor, dass heute die [Stunde der] Revolution der ZĂ€rtlichkeit ist, denn daher rĂŒhrt die Gerechtigkeit und alle ĂŒbrige.“ Und wieder wurde Franziskus sehr konkret: Wenn ein Unternehmer einen Angestellten nur elf Monate im Jahr anstelle und fĂŒr den zwölften Monat entlasse, um ihn dann neu einzustellen, dann zeige er „keine ZĂ€rtlichkeit, sondern er behandelt den Angestellten wie ein Objekt. Wenn man sich aber in den Betroffenen hineinversetzt, statt an die eigenen Taschen zu denken, dann Ă€ndern sich die Dinge.“

Die „Revolution der Barmherzigkeit“ wĂŒnscht sich der Papst als bleibendes Ergebnis des Heiligen Jahres. Er kĂŒndigte an, er werde an jedem Freitag des JubilĂ€ums „eine andere Geste“ setzen. Einzelheiten dazu ließ er sich nicht entlocken.