Maria – eine etwas andere Biographie

    

 

Der Saal ist zum Bersten voll. Solange die Stimmen sich nicht zum Gebet bündeln, überlagern sie sich in allen Frequenzen, so dass der Raum noch enger wird davon. Nur bei den Frauen, seitwärts, ist Ruhe zu spüren. Sie scharen sich um eine zierliche Gestalt. Seit der Verabschiedung des Herrn gilt ihr die besondere Aufmerksamkeit. In den letzten Tagen hat der ermordete Meister sich als Herr und Gott erwiesen. Nun, nach seiner Verabschiedung, sucht man im Gesicht der Frau die allerverwandtesten Züge des Sohnes. Jetzt ebbt es ab, das Männergespräch. Scheu fliegen Blicke zu ihr, die, nach innen gekehrt, alle Aufregung ebnet. Aber plötzlich greift ein Sturm in den Bau, Fenster und Türen vibrieren, blitzhelles Licht züngelt herein in die Versammlung: Sie sehen ihre aufgerissenen Augen und Münder sehen das Feuer sich verteilen über ihren Köpfen.

Jetzt sehen sie nicht mehr, jetzt fühlen sie nur, wie der Geist des Herrn sie durchdringt. Die Mutter aber schwebt nach innen, ins All jenes Geistes. Sie atmet nach all dem Schmerz und all der Freude, in der Anwesenheit des Sohnes. Was, Mutter des Herrn, können wir sagen von Dir, was nicht schon Lukas erzählt? War Anna Deine Mutter und Dein Vater Joachim? Brachten Deine Eltern Dich zum Dienst in den Tempel? Wurdest Du Josef angetraut von den Priestern?

Der Engel des Herrn kam zu Dir, und Du hast mit Deinem Ja empfangen vom Heiligen Geist. Du warst vielleicht 15. Zu Elisabeth konntest Du flüchten. Schwangeren Leibs umarmtet Ihr Euch, und in Euch traf das ewige Wort seine Stimme. In Bethlehem gebarst Du den Herrn und löstest ihn aus im Tempel. Du brachtest mit Josef das göttliche Kind nach Ägypten und in Nazareth wart ihr zu Hause. Mit zwölf Jahren belehrte er Euch im Tempel. Warst Du in Ephesus mit Johannes? Starbst Du in Jerusalem?

Du makellos Reine folgtest dem Herrn mit Leib und mit Seele. Du gehst bis zum heutigen Tag durch die Welt, sie zu rüsten für seine Ankunft. Du Mutter, dreimal wunderbar, empfiehl uns Deinem Sohne.