Das Leben des Heiligen Martin

Es waren die GĂ€nse, die den heiligen Martin verrieten - das sagt zumindest die Legende: Danach war Martin im Jahr 372 dazu ausersehen worden, Bischof von Tours zu werden. Aus Bescheidenheit und aus Respekt vor dem hohen Amt soll er sich jedoch in einem GĂ€nsestall versteckt haben, um der neuen Aufgabe zu entgehen. Doch das Geschnatter der Tiere war wohl unĂŒberhörbar. Am 4. Juli des gleichen Jahres wurde Martin zum Bischof geweiht.

Seine Bekanntheit war schon zuvor seit einem besonderen Ereignis stetig gewachsen: Mit 15 Jahren – also im Jahr 331/332 - in das römische Heer eingetreten, traf er wenige Jahre spĂ€ter gemeinsam mit anderen Soldaten am Stadttor von Reims auf einen fast unbekleideten Bettler. Der Legende nach kĂŒmmerte trotz des eisigen Winters keinen seiner Begleiter das Schicksal des frierenden Mannes. Martin jedoch wollte helfen. Da er außer seiner Uniform und seinem Schwert nichts bei sich hatte, teilte er kurzerhand seinen Mantel in zwei StĂŒcke und gab eines davon dem Bettler. Das soll ihm den Spott seiner Mitsoldaten eingebracht haben.

Doch Martin ließ sich nicht beirren: In der folgenden Nacht erschien ihm Jesus im Traum und dankte ihm fĂŒr die gute Tat. Denn in der Gestalt des Bettlers habe Martin dem Gottessohn selbst geholfen: "Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet", soll Jesus zu Martin gesagt haben.

Von da an war das Leben des Martin von Tours ganz vom christlichen Glauben geprĂ€gt. Er ließ sich taufen und trat, so bald ihm das möglich war, aus dem MilitĂ€r aus. Martin wurde Priester und lebte zunĂ€chst als Einsiedler. Um 360 grĂŒndete er in LigugĂ© in der NĂ€he des französischen Poitiers das erste Kloster des Abendlandes. Im Jahre 375 baute er in der NĂ€he von Tours ein weiteres Kloster: Marmoutier. Dort fanden sich bald Gleichgesinnte, die mit ihm ein Leben in Einfachheit, Gebet und persönlicher Besitzlosigkeit lebten. Martin wurde als Ratgeber und Nothelfer bekannt. Als einige Jahre spĂ€ter ein neuer Bischof von Tours gesucht wurde, waren sich die Menschen schnell einig, dass es Martin werden sollte

Der Tod erreichte Martin erst im hohen Alter von 81 Jahren, am 8. November 397. Seine Beerdigung fand am 11. November unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Als er zur Ehre der AltĂ€re erhoben wurde, war Martin von Tours einer der ersten Heiligen die nicht den MĂ€rtyrertod gestorben waren, sondern allein durch ihr vorbildliches Leben ĂŒberzeugten. Ausgehend von Frankreich breitete sich seine Verehrung schnell aus. Dort soll es schon bis zum Ende des Mittelalters mehr als 3.500 Martinskirchen gegeben haben. Diszipliniertes Mönchtum, Gerechtigkeitssinn und Weltzugewandtheit wurden durch Martin zum Ideal fĂŒr Mönche und Priester. Bis heute gilt der heilige Martin als Patron der Schneider, Bettler, GeĂ€chteten und Kriegsdienstverweigerer. Sein Grab in der Kathedrale von Tours ist eine bedeutende WallfahrtsstĂ€tte.

Nicht nur aufgrund seines Wirkens, sondern auch wegen des Brauchtums rund um seinen Namen ist Martin heute einer der bekanntesten und beliebtesten Heiligen – vor allem bei den Kindern. Jedes Jahr am 11. November ziehen sie mit bunten Laternen durch die dunklen Straßen und singen Martinslieder. Nicht selten werden sie dabei von einem Reiter mit römischem Helm und Purpurmantel begleitet, der an die berĂŒhmte Mantelteilung des Heiligen erinnert. Bekannt sind auch die Martinswecken als GebĂ€ck und in einigen Regionen die Martinsfeuer.

Der Brauch, MartinsgĂ€nse zu verzehren, ist schon einige Hundert Jahre alt: Einst war der 11. November der letzte Tag im Wirtschaftsjahr und zugleich der letzte Tag vor einer sechswöchigen vorweihnachtlichen Fastenzeit. Grund genug fĂŒr die Menschen, ein Festmahl zu feiern. Noch heute mĂŒssen die GĂ€nse fĂŒr den Verrat ihrer gackernden Vorfahren bĂŒĂŸen – zumindest symbolisch. Rund um den Martinstag am 11. November landen immer noch unzĂ€hlige der gefiederten "VerrĂ€ter" im BrĂ€ter.